Die Kirche Erlenbach im Verlauf der Zeit

Kirche im 13. Jahrhundert

Die Kirche im späten 13. Jahrhundert. (Rekonstruktionsversuch)

Im Lausanner Kirchenverzeichnis von 1228 ist die Kirche Erlenbach als "Arlinbach" zum ersten mal urkundlich erwähnt. Wer für ihren baulichen Unterhalt sorgte ist nirgends festgehalten. Die erhaltenen Schriften berichten aber, dass bei den Kämpfe der Freiherren von Weissenburg gegen das aufstrebende Bern auch das Kirchengut in Mitleidenschaft gezogen wurde. Als die Berner bis Erlenbach vordrangen, plünderten sie das Gotteshaus schonungslos. In einem späteren Vergleich erklärten sie sich aber bereit, die gestohlenen Kelche und Ausstattungsgegenstände wieder zurückzugeben. Dies bestätigte der Priester am 7. Dezember 1303 im ältesten erhaltenen Schriftstück über die Erlenbacher Pfarrei.

Der Kampf gegen Bern brachte die Herren von Weissenburg in so arge finanzielle Bedrängnis, dass sie am 20. August 1330 den Kirchensatz von Erlenbach samt Patronat, dem Priesterhaus mit dem dazugehörigen Land sowie zwei Gütern, genannt "de Kumme" und "in dem Wijer" an das Augustinerkloster Interlaken übergaben.

Bald brachte ein innerer Zerfall auch die Interlakner Chorherren in finanzielle Schwierigkeiten. Der Kirchensatz von Erlenbach wurde dem Geschlecht Brandis verpfändet. Dank der Hilfe des Bischoffs von Lausanne und Bern konnten die Interlakner 1369 für eine Summe von 1060 Gulden "lauteres goldes und rechter gewicht" die Schuld abzahlen.

Das Kloster Interlaken scheint seinen Pflichten nachgekommen zu sein. Die Kirche befand sich in einem baulich guten Zustand, was Abgeordnete des Bischoff von Lausanne anlässlich einer Inspektionsreise 1416/17 bestätigten.

Das Kirchenspiel zähle damals einschliesslich des Diemtigtals 300 Haushaltungen und war weitaus das grösste im Niedersimmental (Wimmis: 100 und Oberwil: 70). Auch wirtschaftlich und politisch war Erlenbach das Zentrum der Talschaft. Sein Markt genoss bereits im 15. Jahrhundert einen beachtlichen Ruf.

In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurde die Kirche vorübergehend zur Baustelle. Die Neugestaltung des ganzen Innenraums war geplant.

Weil das einfache Volk des Lesens noch nicht kundig war, sollten die Kirchenwände mit einer belehrenden Bilderfolge versehen werden. Um Architektur und Wandmalerei in Einklang zu bringen war eine neue Wandgliederung erforderlich. Die Rundbogenfensterchen wurden durch rechteckige ersetzt, welche genau der Grösse der geplanten Bilder entsprachen.

Kurz nach 1420 war der ganze Kirchenraum, Schiff und Chor mit den eindrücklichen Wandbildern neu ausgeschmückt. Die christliche Heilslehre wurde packend und folgerichtig dargestellt. Die Bilderwände liessen sich mit Leichtigkeit im religiösen Unterricht einsetzen. Rund hundert Jahre nach ihrem Entstehen wurden die Malereien im Zeichen der Reformation zugetüncht. mehr>>

Als der bischöfliche Abgesandte 1453 die Kirche inspizierte wurden einige Veränderungen befohlen. Der Turm erschien den Inspektoren zu bescheiden. mehr>>

Bereits vor der Reformation im 15. Jahrhundert beunruhigte ein starker Sittenzerfall die bernische Obrigkeit. Nachdem sich die Stürme der Reformation gelegt hatten sollte mit der Glaubenserneuerung auch das verlotterte sittliche Leben der Burger wieder in bessere Bahnen gebracht werden. Als Ersatz für das bisherige geistliche Gericht des Bischofs setzte das reformierte Bern 1529 in jedem Kirchenspiel ein Chorgericht ein. Die bernische Staatsverfassung von 1831 brachte eine Neuorganisation der Gemeinden. Das Chorgericht hiess von nun an Sittengericht. Die Arbeit wurde 1852 dem neugeschaffene Kirchenvorstand übertragen, 1874 dem Kirchgemeinderat. Seit 1881 ist die Sittenpolizei nicht mehr Sache der Kirchgemeinden.

Im blühenden Hexenwesen und Aberglauben zeugte von der mangelhaften religiösen Bildung des Volkes. Nach einigen bescheidenen Vorstössen erschien 1628 die erste gedruckte Landschulordnung. Schulpflichtig waren alle 13- bis 14jährigen Kinder. Sie sollten in "Schryben und Läsen" und "in den puncten dess glaubens" unterrichtet werden. Die Landschulordnung von 1675 schrieb vor, dass die Eltern die Kinder früh - sobald sie imstande seien, zu begreifen - zur Schule schicken. Entlassen wurden sie erst, wenn sie "die Fundamente der wahren Religion" beherrschten. Das Hauptanliegen der Schule lag somit vollständig im religiösen Bereich.

In der Nacht vom 23. auf den 24. April 1765 war "in mithen des in dem dorf Erlenbach gestandenen und von etwelchen Haushaltungen bewohnt gewesenen Schulhause, ohnwissend wie, dergestalten Feür ausgebrochen...". Ausser der Kirche, dem Pfrundhaus, zwei Mühlen und fünf Häusern war alles übrige durch den Dorfbrand zerstört. In der Kirche erinnert der achteckige, hölzerne Taufsteindeckel an jene Zeit des Wiederaufbaus.

1785 und 1786 wurden in der Kirche verschiedene Reparationen vorgenommen. Dem Verlangen nach mehr Luft und Raum wurde man mit den beiden grossen Rundbogenfenstern im Schiff und einer besseren Beleuchtung gerecht. Im Chor entstand den drei Wänden entlang ein neues Gestühl mit 22 Sitzen. Die Balkendecke wurde herausgerissen und an ihrer Stelle entstand eine leicht Holztonne aus langen Tannenholzbrettern. Sie entsprach zwar dem damaligen Geschmack, aber nicht den Gesetzen der Baustatik. Rund hundert Jahre später versuchte man mit gespannten Rundeisen der drohender Einsturzgefahr entgegen zu wirken. Erst 1968 wurde der Kräfteausgleich innerhalb der Dachkonstruktion mit einer stählernen Dachbinderverstärkung wieder hergestellt.

1812 errichtete Johannes Stölli auf der Empore eine stattliche Orgel. Gleichzeitig wurde in den beiden Längsmauern je ein hohes Fenster ausgebrochen, damit dem Organisten mehr Licht zur Verfügung stand. mehr >>

Um die kürzeste Verbindung vom Dorfkern zur Kirche begehbar zu machen, errichtete David Tschabold 1816 ein 58stufige, überdachte Kirchentreppe - ein Zimmermannswerk, das seinen Meister ehrt. mehr>>

Die Kirchenuhr, die heute noch ihren Dienst tut, stammt aus der Werkstatt eines St. Galler Uhrenmachers und wurde 1869 an Stelle des nicht mehr genügenden alten Werkes gesetzt.

Im Frühjahr 1897 lieferte die Glockengiesserei H. Rüetschi AG in Aarau ein neues, dreistimmiges Geläute im F-Dur-Dreiklang. mehr>>

Bis 1798 war das Kirchenspiel die unterste Verwaltungseinheit im bernischen Staatsgefüge. Der Pfarrherr arbeitet nicht nur als Seelsorger sondern auch als staatlicher Beamter auf Gemeindestufe; von der Kanzel verkündete er sowohl das Evangelium als auch die Mandate der Regierung. Das Gemeindegesetz 1852 löste schliesslich das Kirchenwesen teilweise aus dem Aufgabenkreis der Einwohnergemeinde aus. Das Kirchengesetz von 1874 schaffte noch eine klarere Ordnung und schafft Kirchgemeinde und Kirchgemeinderat. Seit 1891 ist die ganze Kirche, das Pfarrhaus mit den dazugehörigen Gebäuden Eigentum der Kirchgemeinde. Beide stehen heute unter Denkmalschutz. Drucken>>
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